Reine Lehre, dreckige Schuhe

In meinen Herbstferien habe ich mir meine Wanderschuhe täglich schmutzig gemacht, das liess sich beim Wandern nicht vermeiden. Ich habe sie am Abend jeweils geputzt, aber beim nächsten Hinausgehen wurden sie wieder dreckig. Wenn ich nicht will, dass meine sauber geputzten Schuhe wieder schmutzig werden, dann darf ich entweder nicht mehr hinausgehen oder muss andere Schuhe anziehen.

Ähnlich scheint es mir mit der kirchlichen Lehre zu sein. Die “reine Lehre” bleibt nur rein, wenn sie nicht mit der Welt konfrontiert wird. Im Umgang mit den konkreten Menschen, in der Bewährung in konkreten Umständen gibt es „Verschmutzungen“, d.h. Kompromisse, Rücksichtnahmen, da ist sie bald einmal etwas verbeult. Die “reine Lehre” muss unter ganz konkreten Umständen, auf ganz konkrete Situationen, auf konkrete Menschen angewandt werden.

Auch wenn meine Schuhe geputzt sind, sind sie nicht ganz sauber (ein Fachmann würde immer noch da und dort etwas Schmutz finden). Es kommt also darauf an, wie ich mir meine Schuhe als sauber vorstelle, d.h. wie sauber für mich sauber genug ist.

Ähnlich ist es bezüglich der reinen Lehre: Was bedeutet sie genau? Wann ist die Lehre der Kirche rein genug um als rein zu gelten? Darum ermahnt Jesus uns immer wieder, Geduld zu haben, Barmherzigkeit zu üben, die Grenzen nicht zu eng zu setzen, nicht zu urteilen, um nicht selber verurteilt zu werden. Es ist natürlich immer ein Hochseilakt: Das Ideal müssen wir hochhalten und es gleichzeitig mit Toleranz und Barmherzigkeit verbinden.

Jesus schenkt den Kranken Heilung und den Sündern Vergebung, noch bevor diese Reue zeigen und sich bekehrt haben. Also zuerst widerfährt uns Heil, dann sollen wir uns ändern. Erlösung ist uns schon geschenkt, wir sollen aber als Erlöste leben. Das ist die Botschaft des Advents und von Weihnachten: Heute ist euch ein Kind geboren! Jetzt ist das Heil erschienen!

Im Alltag lasse ich meine Schuhe natürlich nicht total verschmutzen. Wenn sie schmutzig sind, reinige ich sie. So ähnlich ist es mit meiner Suche nach der reinen Lehre bzw. nach meiner eigenen klaren Haltung gegenüber dem, was reine Lehre sein soll oder kann: in der regelmässigen Gewissenserforschung und in der regelmässigen Beichte versuche ich mein Herz zu reinigen, damit es nicht total vom Alltagsschmutz überlagert wird. Das ist Adventszeit: Vorbereitung auf die Ankunft des Herrn, der uns bereits erlöst hat.
Pfarrer Andreas Rellstab

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