Vom Bitten und Beten

Nun fallen die feuchten Blätter herbstgemäss zu Boden, und auf meinem morgendlichen Weg ins Büro muss ich aufpassen, dass ich nicht darauf ausrutsche. Bei diesem Wetter schlüpfe ich gerne in meine alten Cowboy Boots, die mir nicht nur guten Halt auf dem Boden geben, sondern mir auch mit den Erinnerungen, die daran verknüpft sind, eine Stütze und Freude sind. Ich habe sie vor vielen Jahren während eines zweijährigen USA Aufenthaltes gekauft und wenn jeweils die kalte Winterzeit näherrückt, denke ich mit Sehnsucht an jene Monate zurück, in denen ich in einem wärmeren Klima lebte. Nach vielen mühsamen Erkältungswintern in der Schweiz, waren die milden Temperaturen und die viel höhere Zahl an Sonnentagen eine wohltuende Erfahrung – die trage ich mit meinen Stiefeln mit wie manches andere auch.

Vielleicht ist es die bedrückende Corona Zeit, welche die Gesundheit so stark ins Zentrum unseres Alltages rückt, vielleicht bin ich auch einfach in einem Alter angekommen, in dem das Bewusstsein wächst, dass ebendiese Gesundheit ganz und gar nicht selbstverständlich ist. Menschen in meinem Umfeld haben häufiger als früher Krankheiten, die nicht so einfach wieder verschwinden oder sie kämpfen mit Trauer und Verlust. Wenn ich dann etwas Tröstendes sagen möchte, fällt mir immer ein, mit welcher Leichtigkeit vielen Amerikanerinnen und Amerikanern – ob fromm oder kaum gläubig – ein spontanes: «I will pray for you – ich werde für Dich beten» von den Lippen kommt. Auf Deutsch tue ich mich eher schwer, diese Worte zu sagen. Häufig flüchte ich mich dann in ein etwas unverfänglicheres «ich denke an Dich», aber ich meine nicht nur das.

Ein lieber, leider viel zu früh verstorbener Freund, der aus dem Wallis stammte, hatte die schöne Angewohnheit, beim Abschied «Bhüet di» zu sagen – eine Kurzform zwar, aber der Segen, der gemeint ist «Möge Gott dich behüten», klang darin mit. Ich vermisse diese warme Abschiedsformel, die klar machte, dass eine grössere Macht angesprochen und miteinbezogen wird.

Dieser Gruss ist ganz anders als das beinahe befehlsmässige «Pass auf Dich auf», welches eher nahelegt, dass ich selbst schuld bin, wenn mir dann doch etwas zustösst. «Bhüet di» enthält das Wissen darum, dass wir selbst nicht alles in der Hand haben, schon gar nicht unser eigenes oder das Wohlergehen unserer Lieben. Aber wir dürfen Gott mit hineinnehmen in unsere Beziehungen zueinander. Wir dürfen ihm vertrauen und einander Gott anvertrauen, in der Hoffnung, dass unsere Gebete nicht unerhört bleiben. Mehr können wir manchmal nicht tun.

Diese kleinen Gebete, Segensworte, guten Gedanken füreinander haben ihre eigene Stärke, davon bin ich überzeugt. So kommt mir denn auch hier manchmal spontan ein «ich bete für dich» oder ein «Bhüet di» von den Lippen und ich glaube, es verhallt nicht ungehört.
Monika Bieri, Leitungsassistenz

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