Babuschkas – oder wie wir anderen begegnen

Seit einigen Jahren kaufe ich ab und zu auf einem Flohmarkt oder im Brockenhaus eine bunte Holzbabuschka – also diese schön bunt bemalten Holzpuppen, in denen sich stets noch einige weitere Püppchen verbergen bis hin zu einem letzten, das nicht mehr teilbar ist. Ich kaufe die Babuschkas vor allem, weil ich ihre Farbigkeit oder ihr fröhliches Gesicht mag, aber auch weil mir der Reigen von sich verbergenden Figuren gefällt. Bei meinen fehlt ab und zu eine Figur im Set, aber das tut der Faszination keinen Abbruch. Im Spiel mit meiner kleinen Nachbarin kam ich ins Grübeln über die Parallelen zu uns Menschen.

Mit grossen Augen schaute sie mir zu, wie ich aus einer Puppe weitere Püppchen hervorzauberte. Wenn eine Babuschka noch etwas zu verbergen schien, hat sie diese geschüttelt und mir fordernd hingehalten – komm, lass uns sehen, was hier noch drin ist… ich habe mich gerne von ihrer Begeisterung anstecken lassen und bin mit ihr auf Entdeckung meiner Sammlung gegangen.

Einerseits hat mir die Spielzeit mit meiner kleinen Nachbarin bewusst gemacht, wie wenig Zeit ich als Erwachsene vollkommen versunken mit einer ziellosen Tätigkeit verbringe. Andererseits haben mir die Babuschkas bildlich vor Augen gehalten, dass sich hinter dem ersten Eindruck stets noch mehr verbirgt. Unter der äussersten «Schicht», mit der sich die Menschen in den Alltag hinaus begeben, sind stets noch weitere verborgen, tieferliegende, die wir erst erkennen, wenn wir uns ein wenig Zeit nehmen und kein bestimmtes Ziel vor Augen haben. Auch kindliche Neugier und Entdeckerfreude könnten in Begegnungen mit anderen sicher nicht schaden. Warum lasse ich mich nicht genau so eifrig und positiv auf Menschen ein wie meine kleine Nachbarin sich auf die Babuschkas stürzte: mit Vorfreude auf das, was in ihnen zu finden ist? Viel zu häufig speichere ich einen ersten Eindruck ab und lasse es dabei bewenden.

Ich habe mir an diesem Abend vorgenommen, mehr und bewusster daran zu denken, dass alle Menschen viele Facetten in sich tragen – egal, ob ich fähig bin sie zu erkennen oder nicht. Gott und das uns prägende Leben haben uns bestimmt mindestens so vielseitig und facettenreich geschaffen, wie die KünstlerInnen ihre Babuschkas.

Vielleicht muss ich mich also selbst ab und zu «schütteln» und herausfordern, damit ich die Lehre der Babuschkas in der Beziehung zu meinen Mitmenschen nicht vergesse. Komm, lass uns nachschauen, was noch zum Vorschein kommt…
Monika Bieri, Leitungsassistenz

Zurück

Hinterlassen Sie einen Kommentar