Abschied und Dank: Walter Riethmann

Es war im Herbst 1994: Die Kirchgemeinde St. Anton suchte für ihre Kantorei einen Nachfolger für ihren unerwartet verstorbenen Dirigenten. Ich war gerade im Neumünster in einer Chorprobe, als unser Organist, Heinz Specker, mich aufsuchte und bat, den Chor an der Abdankung zu leiten.  Wenig später kam dann von unserer Gemeinde die Anfrage, die Kantorei St. Anton zu übernehmen. Aber zwei verschiedene Chöre in einem Umkreis von gerade 600 Metern? Da lag es auf der Hand, sie zusammenzuführen! So entstand der erste und bislang auch einzige oekumenische Chor in der Stadt Zürich, mit dem neuem Namen Cantus Zürich.

Nach nunmehr 25 Jahren musikalischer Arbeit in unserer Gemeinde, in der ich sehr schnell heimisch werden durfte, blicke ich mit grosser Dankbarkeit auf die zurückliegende Zeit zurück. Sowohl St. Anton als auch das Neumünster schenkten mir ihr Wohlwollen, und sie unterstützten meine musikalische Tätigkeit wo sie nur konnten. Während all den Jahren verfügte ich über ein Budget, welches Cantus Zürich ermöglichte, an unseren hohen Feiertagen Werke auch mit grosser Orchesterbesetzung aufzuführen. Der Festsaal, unser Probenlokal, war für die vielen Mitwirkenden, die nicht im Quartier oder in Zürich wohnten, der ideale Standort. Und für die Konzerte stand uns mit der Kirche Neumünster der wohl beste sakrale Konzertraum Zürichs zur Verfügung.

Mein Herz gehörte jedoch der musikalischen Gestaltung der Gottesdienste. Und da haben sich die Zeiten seit meinem Antritt auch für den Chor sehr geändert: Heute ist der Sonntagmorgen für Familien oft die einzige Zeit, die sie gemeinsam verbringen können. Umso schöner für mich, dass ich die Sängerinnen und Sänger nie für eine Mitwirkung in einem Gottesdienst überreden musste – es waren immer genug da. Zahlreiche Festgottesdienste in unserer Kirche werde ich nie vergessen, vor allem die Aufführung von Beethovens „Missa Solemnis“ 2002, anlässlich der Altarweihe nach der gelungenen Renovation. Bei der konzertanten Zweitaufführung hörten in der übervollen Kirche viele Junge auf dem Boden sitzend mit.

Gerne hätte ich an Ostern noch Beethovens C-dur-Messe und zu meinem Abschied Ende Juni im Neumünster Haydns „Schöpfung“ aufgeführt. Doch Mitte März war wegen des Corona-Virus Schluss mit unseren Proben. So trete ich nicht mit Trompeten und Pauken, sondern still und leise ab. Herzlichen Dank an Sie alle für die schöne Zusammenarbeit – an die Kirchenpflege, an Pfarrer Andreas Rellstab, an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und an unseren Organisten Heinz Specker. Sie, liebe Gemeinde, Sie haben das Wirken von Cantus Zürich in all den Jahren mit grosser Begeisterung mitgetragen. So freue ich mich, wenn Sie Cantus Zürich auch unter meinem Nachfolger Sven-David Harry treu bleiben werden!
Walter Riethmann

Lieber Walter
vor vielen Jahren bist Du dankeswerterweise ins kalte Wasser gesprungen und hast sozusagen über Nacht den Chor von St. Anton übernommen. Der Cantus Zürich ist entstanden, der erste und einzige ökumenische Kirchenchor in Zürich, auf den wir alle sehr stolz sind. Mit Humor und Feingefühl, mit Kompetenz und Tatkraft, mit dem Wahrnehmen von Stimmungen in musikalischer und liturgischer Hinsicht hast Du sehr motivierend gewirkt und wirst von allen sehr geschätzt. Die liturgischen Gestaltungen unserer Gottesdienste mit Chor, Orchester und Choralschola waren eine grosse Bereicherung.
Gerne hätten wir Dich tatsächlich mit Pauken und Trompeten verabschiedet, aber das ist nun leider coronabedingt nicht möglich. Daher auf diese nüchterne Weise: Herzlichen Dank und Vergelt’s Gott für Deinen langjährigen, unermüdlichen Einsatz in St. Anton. Wir werden Dich vermissen, Dir aber auch das Kürzertreten von Herzen gönnen.

Mit dankbaren Grüssen, auch im Namen aller Mitarbeitenden und der Kirchenpflege
Pfr. Andreas Rellstab

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